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Ein Stück Schwäbische Alb
02.05.2017

Naturtheater Hayingen als Mundartbühne von UNESCO zum „Immateriellen Kulturerbe“ gekürt

Das Naturtheater Hayingen ist von der UNESCO zum „Immateriellen Kulturerbe“ gekürt worden. Denn seit fast 70 Jahren widmet es sich als urwüchsiges, schwäbisches Volkstheater der Pflege der schwäbischen Mundart für alle Generationen.

Auch wenn mehrere Verjüngungskuren dazu geführt haben, dass aus dem einstigen Volks- und Bauerntheater ein modernes Non-Profit-Unternehmen als vergnügliche und kreative Attraktion der Stadt geworden ist, so hebt sich das Naturtheater Hayingen doch durch seine zeitgemäße Auseinandersetzung mit der schwäbischen Sprache von anderen ab. Gegründet wurde es aus einem Wunsch der Bürgerschaft heraus, die ihr Bewusstsein zur Tradition hinsichtlich der schwäbischen Mundart und des regionalen Erbes zu einem historisch sehr sensiblen Zeitpunkt  wiederbeleben wollte.

Seit der ersten Spielzeit im Jahr 1949 mit dem Stück „Die Orgelmacher“ gab es auf der Naturbühne im Tiefental fast alljährlich eine Uraufführung mit urig-idyllischem Landschafts- und Lokalkolorit nach Vorlagen des schwäbischen Heimatautors Martin Schleker Senior und später von seinem Sohn Martin Schleker Junior. Beide haben den Stil des Hayinger Naturtheaters über viele Jahrzehnte hinweg mit Lebensweisheiten, Witz, sozialkritischen Themen, amüsanten und ernsten Doppelbödigkeiten sowie Spannung geprägt. Nach und nach erlangte das Laienspiel aus Hayingen überregionale Bedeutung und Bekanntheit. Dies sollte sich auch nach dem erfolgten Generationswechsel nicht ändern. Bühne und Zuschauertribüne wurden renoviert und erweitert, der schwäbischen Mundart blieb man trotz der Verbindung von Tradition und Moderne immer treu.

Das ist nun von der UNESCO belohnt worden. Im Dezember wurde das Naturtheater Hayingen als erste Freilichtbühne im deutschen Verband zum „Immateriellen Kulturerbe“ gekürt. Danach erfüllt es den Anspruch der „Regionalen Vielfalt der Mundarttheater in Deutschland“, weil man sich hier als lebendiges und dynamisches kulturelles Erbe der Region verpflichtet fühlt und diesem Bekenntnis Ausdruck verleiht.

Die Organisationsstruktur basiert wesentlich auf dem Ehrenamt, die Inszenierungen werden mit Mundart als Bühnensprache erarbeitet, während in der Spielweise die besondere, kulturelle Eigenart der lokalen Mundart erlebbar gemacht wird. Doch nicht nur die Sprache wird als gesprochenes Wort tradiert. In Bühnenbauten, Kostümen und Requisiten setzt sich das Naturtheater Hayingen mit den dahinter liegenden Traditionen und handwerklichen Fähigkeiten auseinander. Gearbeitet wird generationsübergreifend und sozial-integrativ.

Menschen aller Generationen auf, hinter und neben der Bühne werden in das Geschehen eingebunden. Der Bund Deutscher Amateurtheater hat das Naturtheater Hayingen dazu animiert, sich mit Videos zu bewerben. „Als kleines Amateurtheater auf der Schwäbischen Alb sind wir wirklich sehr stolz darauf, diesen Titel tragen zu dürfen. Wir können diese Auszeichnung für unser Marketing nutzen. Doch das Logo besitzt nicht nur für die Öffentlichkeitsarbeit einen hohen Wert, sondern auch kulturpolitisch und zur Erschließung von Fördertöpfen“, macht Geschäftsführer Marc-Philipp Knorr deutlich.

Die Freude über die Aufnahme ins bundesweite Verzeichnis sei in Hayingen groß gewesen: „Dies vor allem, weil wir die absolut Ersten im Verband sind“. Das Expertenkomitee der Deutschen UNESCO-Kommission würdigte die lebendige und dynamische kulturelle Praxis dieser Mundartbühne: „Sprachen, Dialekte und Jargons sind künstlerische Mittel und darstellende Eigenart zugleich. Sie werden im Mundarttheater in besonderer Weise gefördert. Das starke ehrenamtliche Engagement sowie die generationsübergreifende Beteiligung am Mundarttheater sind bemerkenswert“.

Mit seinen Stücken hat sich das Hayinger Naturtheater ein Alleinstellungsmerkmal bis heute erhalten: Allesamt stammen sie aus eigener Feder. Das Künstlerduo Jo Marks und Silvie Schleker, die als Regisseure und Autoren fungieren, führen diese einmalige Tradition weiter. „Wir wollen das Schwäbische als aktuelle, eigenständige und zeitgenössische Kunstsprache kultivieren und schwäbische Autorentheater auf der Höhe der Zeit bieten“, sagen sie und bezeichnen es als ihren Anspruch, mit einem modernen, frischen Inszenierungsstil und einer originellen Bildsprache die Hausmarke „schwäbisches Volkstheater“ künstlerisch weiterzuentwickeln.

Auch in der neuen Saison wird mit dem Erwachsenenstück „Älles sicher? - Ein futuristischer Albdorf-Krimi " und dem Kinderstück „Das zauberhafte Ländle von Oz“ aktuelles, zeitgenössisches Theater mit regionaler Verwurzelung und schwäbischer Seele geboten: bildgewaltig, humorvoll und gesellschaftskritisch – schwäbisch eigensinniges Theater mit Herz und Hirn. Premiere ist am Sonntag, 2. Juli um 14.30 Uhr mit dem Erwachsenenstück, das Kinderstück wird am Sonntag, 11. Juni um 14.30 Uhr zum ersten Mal aufgeführt.

Szenenbild Naturtheater Hayingen Saison 2016 "Im wilden Südwesten" © Naturtheater Hayingen / Maria Bloching

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