Mythos Schwäbische Alb
09.10.2017

Die große Geschichte einer kleinen Linse

Woldemar Mammel und Lutz Mammel (v.l.n.r., Bild Marktleben)

Die Geschichte der Alb-Leisa ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich eine sehr aufwändige, kleinteilige und kostenintensive Landwirtschaft gegen das Preisdiktat der Marktgiganten durchsetzt, wie David gegen Goliath

„Wenn man in Kanada an einem Linsenfeld steht“, so berichtet Woldemar Mammel, „dann verschwindet der Trecker, der da fährt, am Horizont und kommt von dort zurück, wie aus dem Nichts.“ 250 ha hat ein Acker im größten Linsen-Exportland der Welt im Durchschnitt. Die 80 Bauern, die auf der Schwäbischen Alb die Alb-Leisa anbauen, haben gerade mal alle zusammen so viel Fläche dafür.

Und ihre Bedingungen sind viel schwieriger. In unserem Klima würden die zarten Linsenpflanzen von Regen und Hagel zu Boden gedrückt und benötigen daher etwas, woran sie hochranken können, um zu wachsen. Nach der Ernte muss dann die Gerste, oder was immer als Stützfrucht gedient hat, von den Linsen wieder getrennt werden, keine einfache Aufgabe.

Des Schwaben Leibgericht
Kein Wunder also, dass der Linsenanbau in Deutschland quasi völlig zum Erliegen gekommen war, als Woldemar Mammel 1985 auf die Idee kam, des Schwaben Leibgericht wieder selbst anzubauen. Wenige Alte gab es, die noch wussten, wie das geht, und einer hatte noch einen handbetriebenen Trieur, mit dem die Linsen aus der Ernte herausgefiltert wurden.

Als Jahre später dann tatsächlich die ersten Tonnen Linsen vermarktet werden konnten, zeigte sich sofort eine wilde Liebe der Schwaben für diese Frucht, und Woldemar Mammel erkannte, dass er trotz des hohen Preises gut das 10-fache würde verkaufen können. Er warb andere Bio-Landwirte an, ebenfalls Linsen anzubauen und ihm die Ernte zur Sortierung und Vermarktung zu bringen. Die Öko-   Erzeugergemeinschaft Alb-Leisa war geboren.  Aber Linsenanbau geht langsam. Sechs Jahre muss ein Feld mit anderen Früchten bepflanzt werden, nachdem es Linsen trug, sonst vermehren sich Pflanzenkrankheiten darauf.

Die Rettung der Linse
Für den Sohn Max Mammel, der inzwischen den elterlichen Hof übernommen hatte, wurde die Arbeit mit den Linsen immer zeitaufwendiger. Er dachte bereits daran, damit aufzuhören. Währenddessen erzählte sein Bruder, studierter Landwirt und Architekt mit der Absicht, in die Entwicklungshilfe zu gehen, in Moldawien begeistert vom heimischen Projekt. Als Lutz Mammel dann, wieder daheim, von den Schwierigkeiten hörte, entschied er sich für Entwicklungsarbeit im eigenen Land, und nahm sich der Linsen an.

Eine Scheune des Mammel-Hofes wurde bis unters Dach mit Maschinen zur Trocknung, Reinigung und Transport der Linsen vollgebaut, das Haus für Verpackung und Versand erweitert. Viel war da Handarbeit, viel selbst entworfen.

Im Jahr 2006 wurden in einer Genbank in Petersburg erstaunlicherweise die Sorten wiederentdeckt, die bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts auf der Schwäbischen Alb angebaut wurden. Mit viel Feingefühl, Fleißarbeit und wissenschaftlicher Unterstützung wurde aus den wenigen Samen die benötigte Menge Saatgut gewonnen. Die Anbauflächen erweiterten sich rasant, und trotzdem ging jährlich, wenige Monate nach der Ernte, der Vorrat schon wieder zur Neige.

Heute sind es, je nach Witterung, 80 bis 160 Tonnen Linsen – 2002 waren es noch drei Tonnen gewesen. Neun Mitarbeiter beschäftigt Lutz Mammel. Lauteracher Alb-Feld-Früchte heißt jetzt der Name, unter dem er die Ernten der Erzeugergemeinschaft vermarktet. An zahllose Läden und Gas- tronomien liefert er, und inzwischen auch per Online-Shop. Für den Bio-Großhandel hingegen sind die Linsen zu teuer. Aber Lutz Mammel macht keine Abstriche bei den Landwirten, die ihn beliefern. „Für sie muss der Preis, den sie erhalten, auskömmlich sein“, sagt er. Faire Löhne sind, sogar in Deutschland, in der Landwirtschaft nicht selbstverständlich.

Ein übersehener Skandal
Währenddessen wird immer deutlicher, wie recht alle hatten, die bereit waren, für die Alb-Leisa mehr zu zahlen als für Weltmarkt-Linsen. Die aufwendige Trocknung spart man sich in Kanada, indem man das ganze Feld sieben Tage vor der Ernte mit Round-up abspritzt, sodass alle Pflanzen absterben, auch die Linsen. Die vertrocknen dann und sind so nach der Reinigung direkt verkaufsfertig.

Als in der Europäischen Union festgestellt wurde, dass die Glyphosat-Rückstände in den Linsen weit – sehr weit, etwa um das 50-fache – über den Grenzwerten lagen, hat die zuständige Behörde, die EFSA, 2012 diese kurzerhand, und von der Öffentlichkeit seltsamerweise weitgehend unbeachtet, erhöht. Und das gleich auf das 100-fache, denn das entspricht den Vorgaben für Trockenerbsen. Diese werden allerdings fast ausschließlich für Tierfutter verwendet, Menschen essen die noch grün geernteten Erbsen.

Was wirklich nährt
Inzwischen sind bei den Lauterachern noch weitere Feldfrüchte hinzugekommen. Woldemar Mammel ist nicht nur ein Koryphäe was den Anbau betrifft. Sein Buch Alb-Leisa ist eine liebevolle und hoch interessante Hommage für den schwäbischen Ackerbau. Er kennt sich auch mit Nährstoffen und Ernährungsgewohnheiten aus. Das Eiweiß der Hülsenfrüchte ergänzt sich perfekt mit dem des Getreides, deswegen sind Linsen mit Spätzle so gesund.

Der Buchweizen vereinigt die Vorzüge von beiden, sein Eiweiß ist extrem hochwertig und zugleich fehlt ihm der Kleber, er ist also auch für Gluten-All-ergiker geeignet.

Ein breites Sortiment
Seit 2013 ist der Buchweizen im   Sortiment der Lauteracher Alb-Feld-Früchte, das sich jetzt beständig erweitert. Das Leindotteröl enthält viele Omega-3 und -6 Fettsäuren. Leindotter dient, wie Buchweizen, als Stützfrucht für die Linsen.

Linsenmehl eignet sich für Bratlinge, Linsen-Dinkel-Nudeln bieten Veganern eine perfekte Eiweißversorgung. Besonders außergewöhnlich sind die schwarzen Nudeln aus Buchweizen mit Schale und der neu kreierte Buchweizen Brand. Im Hofladen in Lauterach stehen daneben auch interessante Produkte anderer regionaler Produzenten, wie etwa der Albdinkel-Whisky vom Berghof Rabel. Abseits der Supermarkt-Einheitsangebote wird Ernährung und Genuss quasi neu erfunden. Oder genauer: es wird wiederentdeckt, was es schon lange gab.

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