Mythos Schwäbische Alb
06.05.2021

Concerts, Kartenspiele und die Jagd – Herzog Carl Eugens Vergnügungen

Stuck im Weißen Saal ©SSG Pressebild

Stuckwand im Weißen Saal ©SSG Pressebild

Genau wie vor 250 Jahren wird auch heute noch der Tagesablauf der meisten Menschen von ihrer Arbeit bestimmt: Am Morgen aufstehen, in den Betrieb oder ins Homeoffice gehen, um dann nach dem Abendessen den Tag ausklingen zu lassen. Für einen entspannten Feierabend steht heute ein vielfältiges Angebot zur Verfügung, sei es die neueste TV-Serie, eine Runde auf der Spielkonsole oder einfach ein gutes Buch. Doch wie vergnügten sich die Menschen in früheren Zeiten, als die modernen Medien Fernsehen, Internet und Co. noch nicht zur Verfügung standen? Besonders zahlreich sind die Berichte im Umfeld des württembergischen Herzogs Carl Eugen (1728-1793), die Aufschluss über die verschiedensten Freizeitbeschäftigungen der höfischen Gesellschaft seiner Zeit geben.

Langeweile und Etikette am Residenzhof

Populäre Bücher und Filme vermitteln oft ein sehr einseitiges Bild vom höfischen Leben vergangener Zeiten: es erscheint wie eine endlose Folge von pompösen Bällen, aufwendigen Festessen und fröhlichen Spaziergängen in weitläufigen Parks. Die Realität war jedoch meist weit weniger glanzvoll. Der Alltag am Hof bestand ebenso wie der Alltag der Bauern und Handwerker insbesondere aus Arbeit. Zwar hatte ein regierender Fürst in der Regel keine harte körperliche Arbeit zu verrichten, doch stundenlanges Verwalten, Regieren und Repräsentieren war meist nicht weniger anstrengend.

Der Herzog war von früh bis spät eine öffentliche Person, der Tagesablauf war minutiös durchgeplant. Erst wenn er sich in seine Privaträume zurückziehen konnte, war eine Beschäftigung abseits der strengen höfischen Etikette möglich.

Maximal drei bis vier Stunden Schlaf gönnte sich Herzog Carl Eugen, der das Land von 1744 bis 1793 regierte. Am Morgen ließ er sich in der Regel sehr früh wecken; hierbei kamen auch außergewöhnliche Weckmethoden zum Einsatz, wie ein eiskaltes Bad. Sobald er angekleidet war, versammelte er alle seine Minister um sich und erledigte die laufenden Angelegenheiten. Gleich im Anschluss gab er Audienzen für jeden, der es wünschte. Es folgten Verwaltungstätigkeiten und Inspektionen auf den vielfältigen Baustellen oder in den von ihm eingerichteten Institutionen wie der Hohen Carlsschule. Selbst das Mittagessen ließ er des Öfteren ausfallen und begnügte sich mit mehreren Schalen Kaffee.

Grundsätzlich herrschte wohl bei Hof ein recht eintöniger Alltag. So vermerkt auch Franziska von Hohenheim, die langjährige Mätresse und spätere Ehefrau Herzog Carl Eugens, des Öfteren in ihrem Tagebuch: „Es geng niechts sonderliches vor“.

Herzog Carl Eugens kleine Fluchten

Die Abende bei Hof boten häufig Zerstreuung in Form von Konzerten, Bällen oder Theateraufführungen. Doch für den Herzog stellten diese Veranstaltungen ebenfalls öffentliche Auftritte dar, bei denen er seine Rolle als Landesfürst zu spielen hatte.

So verwundert es nicht, dass Herzog Carl Eugen sich „kleine Fluchten“ einrichtete, um der allumfassenden Etikette und der eintönigen Langeweile wenigstens von Zeit zu Zeit entfliehen zu können. Abseits der Residenzstädte Stuttgart und Ludwigsburg ließ er hierzu bestehende Schlösser ausbauen und nach der neuesten Mode ausstatten, oder sogar Neubauten errichten. Die Landschlösser Solitude, Hohenheim und Scharnhausen sind hierfür berühmte Beispiele. Hier konnte Carl Eugen ein fast privates Leben führen und seinen persönlichen Neigungen nachgehen.

Das Uracher Schloss wird zum Rückzugsort

Auch das Uracher Schloss erfuhr durch diese Praxis in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Umgestaltungen, die die Aufenthalte des Herzogs so angenehm wie möglich machen sollten. Carl Eugen ließ sogenannte Assemblée-Zimmer einrichten: Gesellschaftszimmer, die einzig der Zerstreuung dienten. Hier wurde geplaudert und die Zeit „bei allerhand kleinen Spielen“ zugebracht. Franziska von Hohenheim erwähnt Treset und Mariach in ihrer ganz eigenen Schreibweise. Gemeint sind die Kartenspiele Trissette oder auch Tressette sowie Mariage, die vergleichbar mit dem heutigen 66 sind. An anderer Stelle wird „Quinze“ erwähnt, ebenfalls ein Kartenspiel. Es soll die Urform des heutigen Black Jack sein. Ob da der ein oder andere seinen Besitz „verzockt“ hat, verschweigen die Tagebücher allerdings diskret.

Ein anderes, im 18. und 19. Jahrhundert bei Hof sehr beliebtes Kartenspiel, war das sogenannte Pharo. Auch bei diesem Spiel wurde um Einsätze gespielt.

Entsprechend waren die Assembléezimmer mit Spieltischen ausgestattet und einige dieser Tische wiesen sogar eingebaute Säckchen auf, in denen das gewonnene Geld verstaut werden konnte. Wer allerdings ruhigere und geistvollere Spiele bevorzugte, konnte sich an einem der Tische mit eingelassenem Schachbrett oder Mühlespiel niederlassen. Ebenfalls großer Beliebtheit erfreute sich im 18. Jahrhundert Billiard.

Ausgedehnte Jagdausflüge

Selbstverständlich stellte auch die Jagd einen äußerst beliebten Zeitvertreib der höfischen Gesellschaft dar. Die bereits erwähnten Tagebücher vermitteln den Eindruck, dass es Zeiten gegeben hat, in denen der Herzog beinahe täglich als Hubertusjünger unterwegs war. Groß angelegte Hofjagden, an denen auch geladene Gäste auswärtiger Höfe teilnahmen, stellten darüber hinaus einen festen Bestandteil im politischen Spiel der Mächte dar. In der lockeren Atmosphäre einer Hofjagd ließ es sich vielleicht einfacher verhandeln als im steifen Umfeld der fürstlichen Residenz.

Daneben diente die Jagd auch dazu, den enormen Fleischbedarf des Hofes zu decken. Pro Person wurde am Tag ein Pfund Fleisch einkalkuliert, eine Menge, die erst einmal beschafft werden wollte. Damit das erlegte Wild nicht verderben konnte, hatte Carl Eugen in Urach sogar einen Eiskeller anlegen lassen.

Franziska von Hohenheim genoss dagegen lieber die Ruhe im Uracher Schloss und nicht selten zog sie sich einfach zurück, um in einem ihrer zahlreichen Bücher zu lesen: „Nach die 6. Uhr gengen der herzog auf die Jagdt… ich las im Klopfstock“. Gemeint war wohl ein Buch des Dichters Friedrich Gottlieb Klopstock.

Retoure à  la nature

Die Natur war im ausgehenden 18. Jahrhundert nicht mehr länger ein Medium, das es – auch durch die Jagd - zu bezwingen galt. Stattdessen nahm man nun ihre Schönheit wahr und bewunderte diese. Deshalb gönnten sich die Damen und Herren der Hofgesellschaft auch hin und wieder kleinere Ausflüge in die Natur. Gerade die Aufenthalte im Uracher Schloss boten die Möglichkeit zu Spazierfahrten in der direkten Umgebung, wie beispielsweise zu den Felsen bei der „Clemser Staig“. Oder man ging ganz einfach „vors Thor zu Fuss“.

Der abendliche Ausklang bestand dann in kleinen „Concerts“, gegeben von den Musikern Aprili, Polli, Lolli und Steinhart, das Ganze in dem dafür eigens eingerichteten „Weißen Saal“.

Vielfältige Möglichkeiten zur Erholung und Zerstreuung gab es also auch für einen württembergischen Herzog des 18. Jahrhunderts. Und auch wenn heute kaum noch für jemanden die Möglichkeit besteht, sich ein eigenes Schloss zu bauen, so bietet diese Zusammenstellung vielleicht doch die ein oder andere Anregung, auch in der heutigen Zeit Erholung und Entspannung zu finden.

 

Service und Information
Aktuell ist das Residenzschloss Urach wie alle Monumente der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg ebenso wie alle Kultureinrichtungen geschlossen.

www.schloesser-und-gaerten.de
www.schloss-urach.de


www.Schloss-urach.de

Datum

06.05.2021