Mythos Schwäbische Alb
31.05.2024

Die neue Ausgabe Marktleben: Zukunftsidee - Damit Biosphäre Stadt findet

Marktleben Juni/Juli
Titel Marktleben
Marktleben Juni/Juli
Titel Marktleben

In der Stadt Reutlingen entstehen Ideen, die es in sich haben: Bürgerinnen und Bürger machen sich auf, den Wandel der Zeit kreativ und zukunftsorientiert mitzugestalten. Mit der M59 Reutlinger Biosphären-Manufaktur beginnt ein neues Gesicht der Stadt Gestalt anzunehmen.

Der Einklang von Mensch und Natur – das ist vielleicht die bedeutendste Aufgabe, die wir in den nächsten Jahrzehnten auf diesem Planeten zu lösen haben werden.

Mit 738 Modellregionen engagiert sich die UNESCO, die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur, dafür, gelingende Beispiele für dieses Zusammenleben zu fördern. Biosphärenreservate werden diese Gebiete genannt, und die Schwäbische Alb zwischen Reutlingen, Weilheim-Teck, Schelklingen und Zwiefalten ist eins davon.

Reutlingen in der Biosphäre

Weltweit ist Reutlingen eine von nur vier Großstädten, die Teile ihres Stadtgebietes in einem Biosphärenreservat haben, etwa das Gebiet des Listhofs. Da die UNESCO urbane Zentren stärker in die Biosphären einbeziehen will, könnte bald schon Reutlingen die weltweit erste Stadt sein, in der das realisiert wird. Denn das Biosphärengebiet Schwäbische Alb wurde nach zehnjährigem Bestehen rezertifiziert, in seiner Anerkennung erneuert und soll nun erweitert werden – und, wenn es nach den Reutlingern geht, bis in das Zentrum der Stadt hinein.

Reutlingen könnte damit weltweit zur Modellstadt für nachhaltige Entwicklung werden, die die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele des Biosphärengebiets in ökonomischer, sozialer und ökologischer Hinsicht voranbringt. Ist die Stadt bereit dafür?

„Um die Idee einer Biosphärenstadt als Leitidee in Reutlingen zu etablieren, muss der Biosphärengedanke sicht- und erlebbar werden“, davon ist Reiner App überzeugt. Seit Jahren ist der professionelle Stadtentwickler aus Reutlingen, und mit ihm der Verein Köpfe für Reutlingen, mit dem Thema befasst, die Reutlinger Innenstadt attraktiv zu halten. Denn nicht erst seit Corona leiden die Innenstädte darunter, dass die Kaufkraft der Kunden in den Onlinehandel abfließt – was in Reutlingen gerade besonders durch die Schließung der großen Häuser Galeria Kaufhof und Breuninger deutlich wird.

Die Biosphäre in Reutlingen

Als Potenziale Reutlingens für eine Biosphärenstadt sieht Reiner App nicht nur die Lage am Fuß der Schwäbischen Alb, sondern auch das Kreuz, das zwei natürliche Linien bilden, die die Stadt durchziehen: zum einen der grüne Streifen von der schön naturbelassenen Achalm über die Planie bis hinüber zur Pomologie, zum anderen der Flusslauf der Echaz, der bereits teilweise renaturiert ist und hoffentlich mit einer zukünftigen Bundesgartenschau noch weiter an Attraktivität gewinnen wird.

Mit Grünflächen und Wasser sind die beiden – gerade in Zeiten des Klimawandels – wichtigsten Voraussetzungen vorhanden. Was nun noch fehlt, wäre idealerweise die Entwicklung des ÖPNV mit einer Stadtbahn, vor allem aber, dass der Biosphärengedanke des Zusammenspiels von Natur und Ökonomie deutlich wird.

Tatsächlich gibt es im Biosphärengebiet Schwäbische Alb zahlreiche schöne Beispiele dafür, wie ein sorgsamer Umgang mit Umwelt und Natur zu wirtschaftlichem Erfolg führen kann, unser Magazin Marktleben ist seit fast zwanzig Jahren immer wieder voll davon. Die kleinflächige, naturnahe Landwirtschaft auf der Alb, der Anbau von Getreide und Obstsorten, die sich durch natürliche Resistenz und Klimaverträglichkeit auszeichnen, traditionelles Handwerk und insgesamt Produkte, die sich nicht über einen billigen Preis, sondern durch hohe Qualität auszeichnen sind dafür wesentlich; eben-so der sanfte Tourismus, der sich mit der Pflege von Natur- und Produktqualität verbindet.

In Reutlingen selbst ist das Biosphärengebiet gegenwärtig, mit verschiedenen Ständen auf dem Wochenmarkt, dem Biosphären-Gastgeber, der Gutsgaststätte Alteburg – gerade mit dem Prädikat Drei Löwen ausgezeichnet – aber auch mit verschiedenen Projekten, etwa den Apfel- und Birnensäften der Marke Feines von Reutlinger Streuobstwiesen.

Die Reutlinger Bürgerschaft

Das 500-jährige Jubiläum des Reutlinger Markteids feiert die Achalm-Stadt in diesem Jahr, und es scheint, dass sich die Stadt bis heute etwas von ihrem bürgerschaftlichen Geist bewahrt hat. Denn man kann ohne Übertreibung sagen, dass die Stadt wieder in Gefahr ist. Zwar stehen keine feindlichen Truppen vor den Stadttoren, wie im Mittelalter, aber wie in fast allen anderen Städten drohen die Innenstädte zu veröden, Leerstände nehmen zu, Umsätze gehen zurück.

Da helfen keine kurzfristigen Marketing-Strategien, das Problem muss grundlegender angegangen werden. In dieser Situation alles von der Stadtverwaltung zu erwarten wäre in Zeiten knapper Kassen illusorisch. Ihr ist es erfolgreich gelungen, Bundesmittel für das Projekt Biosphärenstadt zu akquirieren. 2,3 Millionen Euro stehen laut Markus Flammer, dem Abteilungsleiter Wirtschafts- förderung, bereit für Entwicklungskonzepte, eine Onlineplattform und weitere Aktivitäten, jedoch nur 30% davon für Gebäude. Vergleicht man das etwa mit Italien, wo aus einem Corona-Wiederaufbau-Fonds von 200 Milliarden Euro etwa ein Drittel in die Entwicklung der Städte fließt, ist das kläglich wenig.

Aber unter den Reutlinger Bürgern tut sich was. Eine Initiative wurde gegründet, die sich mit einer Genossenschaft dafür stark machen will, die Biosphäre in der Stadt erfahrbar und präsent werden zu lassen und ihr damit neue Attraktivität zu verleihen.

Ein nachhaltiges Quartier

Ein Quartier soll entstehen, in der das, was das Biosphärengebiet Schwäbische Alb ausmacht, erlebbar wird. Manufakturen für Lebensmittel und Handwerk werden ihre Produktion dort zeigen und ihre Produkte anbieten. Es soll ein Platz entstehen, an dem urbanes Leben auf traditionelle Produktion und naturnahe Qualität trifft. Wo man genüsslich essen, trinken und sich unterhalten kann und zugleich miterleben kann, wie im Biosphärengebiet gearbeitet und gelebt wird.

Schauproduktionen, etwa von Brot, Bier, Wurst und Textilien werden ergänzt von Workshops, in denen man vielleicht eigene Pralinen mit echt schwäbischem Whisky füllt, Kränze aus heimischen Blumen bindet oder mit essbaren Blüten kocht. Zahlreiche Produzenten aus der Region sind im Gespräch dafür. Der bekannte Koch Steffen Marzin ist bereits für das Projekt gewonnen, er wird in Sternequalität regionale Zutaten zubereiten.

Schon jetzt macht die Initiative mit spannenden Veranstaltungen auf sich aufmerksam. Aktuell hat die Stadt eine Ladenfläche in der Metzgerstraße 59 angemietet. Hier soll die M59 Reutlinger Biosphären-Manufaktur entstehen. Von ihr aus werden sich Veranstaltungen, Märkte und weitere Geschäfte rund um die Marienkirche herum ausbreiten – und darüber hinaus. „Mein Ziel war es von Anfang an, die gesamte Innenstadt mit in den Blick zu nehmen“, sagt Oberbürgermeister Thomas Keck.

Genuss-Pate werden!

Finanziert wird das alles über die Gründung einer bürgerschaftlichen Genossenschaft. Wer mag, kann sich schon einen bis 100 Anteile à 250 Euro sichern. Da die Zahl der Mitgliedschaften auf 1.000 begrenzt ist, sollte man sich beeilen. Es könnte sein, wie ein ähnliches Projekt in Leutkirch zeigt, dass die Genossenschaftsanteile sehr begehrt sein werden. Auf jeden Fall sind sie eine sehr sichere Anlage, denn vor der Gründung wird der Geschäftsplan über ein halbes Jahr vom Genossenschaftsverband gründlich geprüft.

Wen die Vision M59 begeistert, ist eingeladen, montags um 19 Uhr in die Metzgerstraße 59 zum Jour-Fix des Initiativkreises zu kommen. Hier kann man zum Genuss-Paten, zum Teilhaber an der eigenen Innenstadt, zu einem Entwicklungsfaktor für die Zukunft der Stadt Reutlingen werden.

www.marktleben.de | www.m-59.de

Datum

31.05.2024