Mythos Schwäbische Alb
22.05.2012

Echazfischerei im „Pfullichgau“

Heute vor 1075 Jahren wurde Pfullingen erstmals urkundlich erwähnt

Pfullingen. Eine etwas sperrige Jubiläumszahl mit ihren zehn Jahrhunderten und einer fast mager wirkenden 75 im Gefolge, die die Stadt <link vor-ort pfullingen _blank>Pfullingen in diesem Jahr vorzuweisen hat. Das 1075-jährige Jubiläum der urkundlichen Ersterwähnung scheint daher im besonderen Maße geeignet zu sein, nicht nur wichtige Ereignisse der Pfullinger Geschichte Revue passieren zu lassen, sondern auch das Erinnern selbst zum Gegenstand zu machen.

Gelegenheit dazu bietet jetzt eine im Treppenhaus des Rathauses I präsentierte Ausstellung. Neben Abbildungen der Ersterwähnungsurkunde eröffnen Fotos, Dokumente und weitere Exponate schlaglichtartige Einblicke in die Pfullinger Geschichte. Im Mittelpunkt stehen dabei die Feierlichkeiten anlässlich des 1000-jährigen Jubiläums im Jahr 1937, an denen sich zeitgenössische Erinnerungskultur anschaulich ablesen lässt.

Voraussetzung solcher Jubiläen, die auf frühe schriftliche Quellen Bezug nahmen, war jedoch überhaupt die Kenntnis dieser ersten geschichtlichen Belege. Das Wissen um die Pfullinger Ersterwähnungsurkunde aus dem Jahr 937, die bereits in der <link vor-ort reutlingen _blank>Reutlinger Oberamtsbeschreibung von 1824 genannt wird, ist vor allem auch auf die aufblühende Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach den nationalen Wurzeln zurückzuführen.

Bei der in dieser Zeit in der Geschichts- und Heimatforschung bekannt gewordenen Pfullinger Ersterwähnungsurkunde, datierend vom 23. Mai 937, handelt es sich um eine ottonische Königsurkunde in lateinischer Sprache, in der dem Priester Hartbert des Grafen Hermann im Pfullichgau („Phullichgouue“) die königlichen <link erleben sport-treiben angeln _blank>Fischrechte der Echaz bei Honau geschenkt werden. Der Pfullichgau-Graf Hermann war Herzog von Schwaben und könnte nach unbewiesenen Mutmaßungen auch der Vater des um 924 wahrscheinlich in Pfullingen geborenen Heiligen Wolfgang gewesen sein.

Dass König Otto I. Hartbert, den geistlichen Berater des Schwabenherzogs, als begabte und loyale Persönlichkeit betrachtete, verdeutlicht die Tatsache, dass er ihn nach dem Tode Hermanns 949 als Bischof von Chur, damals Teil des Herzogtums Schwaben, in hohem Maße auch mit weltlichen Herrschaftsrechten ausstattete. Zugleich handelte es sich um ein typisches Phänomen ottonischer Königsherrschaft, die sich in besonderem Maße auf die Kirche stützte.

Durch das Bischofsamt gelangte auch Hartberts Beleg über seine hiesige Schenkung, mithin die Pfullinger Ersterwähnungsurkunde, nach Chur, wo sie sich bis heute im Bischöflichen Archiv befindet.

Auf die Existenz eines „Pfullingen“ benannten Ortes wird durch die Schenkungsurkunde indirekt geschlossen: Als alte Herrschafts- oder Gebietsuntergliederung hat der Pfullichgau seine Bezeichnung wohl von einem Hauptort namens „Pfullingen“ erhalten.

Archäologische Funde in Pfullingen, wie die beiden großen alamannischen Gräberfelder im Bereich des Lindenplatzes und des Gewanns „Entensee“, weisen darauf hin, dass der Ort bereits weit vor der ersten schriftlichen Nennung von herausgehobener Bedeutung war. Nach den bis etwa 450 zurückreichenden Gräberfunden wäre die 1000-Jahr-Feier demnach schon Mitte des 15. Jahrhunderts fällig gewesen.

Die anlässlich der urkundlichen Ersterwähnung im Jahr 1937 begangene 1000-Jahr-Feier lässt zum einen deutliche Versuche erkennen, dem Jubiläum und den Feierlichkeiten eine nationalsozialistische Prägung zu geben: Der zentrale Festvortrag oder auch das 1937 in erster Fassung erschienene Pfullinger Heimatbuch deuteten geschichtliche Entwicklung ganz im ideologischen Sinne von „Blut und Boden“, dem gleichen Zweck sollten groß angelegte Familienzusammenkünfte, sogenannte Sippentagungen, im Rahmen der Festtage dienen.

Zum anderen zeigen sich in den Jubiläumsfeierlichkeiten aber auch die Grenzen solcher politisch-ideologischer Einflussnahme: Selbst die bedeutungsschwerste Sinngebung konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich auch um ein „riesiges Volksfest mit Ständen, Schaubuden, Schießbuden, Karussellen“ gehandelt hat, wie Hermann Taigel in seiner eingehenden Nachzeichnung der 1000-Jahr-Feier in den jüngsten „Beiträgen zur Pfullinger Geschichte“ resümiert.

Gerade der evangelischen Kirchengemeinde gelang es, wie Taigel zeigt, sich trotz politischer Widerstände zu behaupten und etwa die aus dem offiziellen Programm gestrichenen Festgottesdienste dennoch stattfinden zu lassen.

Nach 75 Jahren sind die Jubiläumsfeierlichkeiten selbst zum historischen Ereignis geworden und des kritischen Erinnerns wert, und es stellt sich die Frage, wie unsere Formen des Erinnerns wohl anlässlich des 1200-jährigen Stadtjubiläums bewertet werden.

Quelle: Stefan Spiller, Stadtarchiv Pfullingen; www.pfullingen.de

Datum

22.05.2012