12.02.2021

Homeschooling im Mittelalter – Ein Privileg der Reichen

Mit dem modernen Begriff „Homeschooling“ wird heutzutage etwas bezeichnet, das Eltern, Kinder und Lehrkräfte gleichermaßen vor große Herausforderungen stellt. Denn der digitale Unterricht, der die Lehrkraft per Laptop oder PC direkt in die privaten Wohnungen unzähliger Familien bringt, ist Lösung und Problem zugleich. Dabei ist die Idee vom Unterricht in den eigenen vier Wänden nicht neu. Im ausgehenden Mittelalter, dem Zeitalter von Graf Eberhard im Bart und Barbara Gonzaga von Mantua, war Homeschooling das große Privileg der Adligen, das sie von der breiten Masse des gemeinen Volkes abhob.

Öffentliche Schulen im ausgehenden Mittelalter

Im 15. Jahrhundert, als das Mittelalter in den letzten Zügen lag und sich mit der Renaissance bereits ein neues Zeitalter ankündigte, boten die deutschen Städte ihren Bewohnern ein breites Angebot an kirchlichen und weltlichen Bildungseinrichtungen – zumindest den Zahlungskräftigen unter ihnen. Denn eine allgemeine Schulpflicht gab es nicht, Schulgeld und fällige Naturalabgaben wie Brennholz konnten sich nur die Mitglieder der Oberschicht leisten. Diese schickten ihre Söhne, manchmal sogar auch die Töchter, meist ab dem siebten Lebensjahr in die Stifts-, Kloster- und Domschulen oder in ihre weltlichen Pendants, die Stadtschulen und Deutschen Schulen. In den kirchlichen Bildungseinrichtungen lernten die Kinder zunächst Lesen, Schreiben, Rechnen, Gesang und Latein, es folgten sodann die „Sieben Freien Künste“ Grammatik, Rhetorik, Didaktik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik, anschließend theologischer Unterricht. Auch an den Stadtschulen wurde Wert auf Lesen, Rechnen und Latein gelegt, während sich die Ausbildung in den Deutschen Schulen mehr an der Praxis von Handel und Gewerbe ausrichtete.

Privatunterricht für Privilegierte

Es durfte auch durchaus so mancher Patriziersohn in den Genuss eines Privatlehrers gekommen sein, gänzlich undenkbar war der Besuch von öffentlichen Schulen jedoch für den Nachwuchs des Adels. Bis zu ihrem siebten Lebensjahr – der sogenannten infantia – verbrachten die Söhne und Töchter in der Regel gemeinsam ihre Zeit in den eigens eingerichteten Kindergemächern und wurden von der Mutter, von Ammen und Kindsmägden betreut. Mit Beginn der puerita im Alter von ca. sieben Jahren zogen die Mädchen in das Frauenzimmer und wurden dort von der Mutter bis zu ihrer Verheiratung auf ihre spätere Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereitet. Die Söhne erhielten dagegen als künftige Herrscher eine sorgfältige Ausbildung durch einen adligen Hofmeister und einen gelehrten Präzeptor. Diese Privatlehrer kümmerten sich meist rund um die Uhr um ihren Schützling, schliefen auch bei ihm in einer gemeinsamen Kammer und kontrollierten sein Verhalten – das „Zutrinken“ musste beispielsweise nicht selten verhindert werden. Oftmals stellten sie für ihre Zöglinge treue Begleiter bis ins Erwachsenenleben hinein dar. Johannes Vergenhans, der Präzeptor von Graf Eberhard im Bart von Württemberg, war später nicht nur württembergischer Rat, sondern sollte auch der Gründungsrektor der Tübinger Universität werden.

Die Ausbildung der adligen Söhne umfasste sowohl religiöses als auch adliges Wissen, mussten sie doch ein christliches Gemeinwesen leiten und dabei jederzeit als gebildeter, weiser und moralisch einwandfreier Herrscher auftreten. Das religiöse Wissen wurde dabei über Gebete und Gottesdienstbesuche sehr praxisnah vermittelt. Adliges Wissen setzte sich dagegen aus einer Vielzahl unterschiedlicher Disziplinen zusammen, wozu Lesen, Schreiben, Latein, Herrschaftswissen, Musik und teilweise auch Fremdsprachen ebenso gehörten wie sportliche Übungen, darunter Reiten, Jagen, Schwimmen, Fechten usw. Großen Wert wurde hier auch auf ein Verhalten gelegt, das dem späteren Rang entsprechen sollte. Hierzu wurden korrekte Sprache, das Tragen angemessener Kleidung, aber auch Tanz unterrichtet.

Die Casa Gioiosa in Mantua

In einem gänzlich anderen Umfeld wie ihr späterer Ehemann Eberhard wuchs Barbara Gonzaga von Mantua auf. Bereits ihre Eltern wurden an der berühmten und vorbildhaften, von Vittorino da Feltre gegründeten casa gioiosa in religiösem aber vor allem humanistischem Wissen unterrichtet. Die casa gioiosa befand sich inmitten der riesigen Anlage des Palazzo Ducale in Mantua und war nicht nur Ausbildungsstätte der Gonzaga-Kinder, sondern diente auch als eine Art Internat für den Nachwuchs auswärtiger Adelshöfe sowie für arme Kinder aus der näheren Umgebung. Bis zu 70 nichtadlige Kinder wurden hier gemeinsam mit dem adligen Nachwuchs unterrichtet und mussten dabei lediglich zwei Voraussetzungen erfüllen: sie sollten sich anständig benehmen und Spaß am Lernen haben. Eine weitere Besonderheit stellte der gemeinsame Unterricht von Jungen und Mädchen dar, die beide zwischen ihrem 10. und 17. Lebensjahr hier unterrichtet wurden. Einzig die Leibesübungen standen den Mädchen nicht offen. Sie wurden jedoch wie ihre Brüder auch in den Sieben Freien Künsten, in Latein, Griechisch, Philosophie, Geschichte, Theologie und Zeichnen, Dichtung, Musik und Tanzen ausgebildet. Ebenso wurden auch die ritterlichen Tugenden wie Maßhaltung, Treue und Großmut nicht vernachlässigt. Am Ende dieser besonderen Ausbildung sollte der universell begabte und humanistisch gebildete gentiluomo bzw. die donna nobile stehen, als die sich Barbara Gonzaga zurecht bezeichnen konnte. Was am Ende des modernen Homeschoolings stehen wird, bleibt noch abzuwarten.

Service und information
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