Die neue Ausgabe Marktleben: Seelenraum - Kunst echter Menschlichkeit
Das LIVING MUSEUM ALB in Buttenhausen ist das erste Projekt seiner Art in Deutschland. Die Kombination aus offenen Ateliers und Ausstellungsräumen überwindet den Unterschied zwischen Menschen mit und ohne geistig-seelischen Einschränkungen.
Was macht einen guten Künstler aus? Dass er sich verkaufen kann, technisch brillant ist, sich mit der Kunst anderer auskennt? Oder zählt nur Originalität? Die Fähigkeit sicherlich, im Betrachter der Kunst etwas auszulösen – etwas, das ihn bereichert, bewusster macht, herausholt aus seiner „Alltags-trance“, ihm eine andere Welt, eine neue Sichtweise eröffnet – oder zu dem zurückführt, was in ihm selbst verborgen ist und vergessen wurde.
Wenn Kunst etwas mit Können zu tun hat: Was muss man können, um das zu erreichen? Was muss man gelernt haben? Die Buttenhausener Künstler sind Menschen, die das Leben Dinge gelehrt hat, die nicht jeder von uns kennt. Sie erfahren das Leben aus einer anderen Perspektive als die meisten von uns. Das Brechen von Konventionen, Ziel vieler anspruchsvoller Künstler, ist ihnen vertraut.
Heilung jenseits von Therapie
Künstlerisches Schaffen ist heilsam. Das erfahren die Künstler hier, aber auch die Besucher des Living Museums. Sie kommen, um die Dauerausstellung der hier ansässigen Künstler zu betrachten oder auch zu Workshops professioneller Referenten, an denen sie Seite an Seite mit erkrankten und behinderten Menschen teilnehmen. Kunst bietet einen Raum der Freiheit, ein „Asyl“ für die Seele, Freiheit von Konventionen, Vorschriften und Meinungen darüber, was sein muss und was nicht sein darf.
Seelisch erkrankte Menschen sind gesellschaftlich diskriminiert und brauchen Schutz vor dieser Diskriminierung. Die Arbeit im Living Museum verändert ihre Identität. Individuelle Eigenheiten, die einen in der Gesellschaft zum Außenseiter machen, werden im Living Museum zelebriert. So versteht man sich nicht mehr als Patient, so der Gründer des ersten Living Museums in New York, Janos Marton, sondern als „verrückter“ Künstler. „Recovery“ heißt das dahinterstehende Konzept, das Selbstbestimmung, Beteiligung und Sinn als Bedürfnisse versteht, auf die auch kranke Menschen ein Recht haben.
Im Living Museum dient Kunst nicht der Therapie. Es widerspräche der Idee, der Würde echter Kunst, einem Zweck zu dienen. Ziel ist, den Menschen Möglichkeit und Anregung zu geben, sich zu entfalten und auch mit ihrer Kunst gesehen zu werden. Sarah Boger ist Leiterin des LIVING MUSEUMS ALB der BruderhausDiakonie in Buttenhausen. Mit viel Feingefühl unterstützt sie ihre Künstler dabei, sich so zu zeigen, wie es ihrer Würde und auch ihrem Können entspricht.
Die Qualität echter Kunst
„Nicht jeder, der sich der Kunst zuwendet, ist deswegen schon ein guter Künstler“, erklärt Sarah Boger. Kunst hat die ihr eigenen Qualitätsmaßstäbe. Kann die Kunst nicht ausgebildeter Menschen das Niveau eines studierten Künstlers erreichen? Ja, sagt Sarah Boger, die schon Arbeiten ihrer Künstler in professionellen Ausstellungen eingebracht hat und mit ihnen auch bei offenen Wettbewerben wie Kunst Reutlingen schon erfolgreich war.
„Echte Qualität entsteht, wenn jemand sich intensiv und mit großem Ernst über lange Zeit engagiert. Dann erlangt der künstlerische Ausdruck Präzision und Kraft“, weiß Sarah Boger. Ihre Beziehungen zu den Bewohnern der Bruderhaus-Einrichtungen sind über viele Jahre gewachsen. Im LIVING MUSEUM ALB finden sie eine bunte und zugleich konzentrierte Atmosphäre um sich selbst zu finden und auszudrücken.
So wundert es nicht, dass auch Künstler von außen kommen, um hier zu arbeiten, sei es um auszustellen, in einem der Ateliers, die man hier mieten kann, kreativ tätig zu sein, oder um Workshops zu geben.
Die künstlerische Arbeit im Living Museum ist nicht auf die bildende Kunst beschränkt. Neben den Angeboten im großen Mal-Atelier und den Einzelateliers gibt es ein Werk-Atelier für plastische Arbeiten, ein Theater- und ein Natur-Atelier. In ihnen treffen sich die Schauspieler der drei Theatergruppen, die Gestalter des Naturgartens, die auch die Esel der Einrichtung pflegen und die beiden Bands.
Im Lyrik-Atelier wird Lyrik nicht nur gehört und besprochen, sondern auch selbst verfasst. Angelika Janssen begleitet hier drei Lyrik-Gruppen und fühlt sich oft reich beschenkt von dem sprachlichen Ausdruck, zu dem hier Menschen finden, für die zum Teil schon das normale Sprechen außerge- wöhnlich ist. Unterstützt wird sie dabei von der Schauspielerin Regina Hintzenstern, die für Menschen vorliest, die nicht lesen können oder ihre eigenen Texte nicht selbst vorlesen können.
Das Wunder der Begegnung
Verlassen, verbraucht, heruntergekommen und zum Abbruch freigegeben, so stand das ehemalig Fachpflegeheim da. Wie beim ersten, 1983 in New York gegründeten Living Museum, wurde auch in Buttenhausen ein veraltetes Gebäude genutzt, um in ihm den Zauber der Kunst wirksam werden zu lassen. Der von Pflegebetten vermackte Aufzug, die öden Gänge und sehr unansehnlichen Toiletten – sie alle strahlen jetzt in dem Charme der vielen Künstler, die sich an ihnen verewigt haben.
Neben der beeindruckenden Dauerausstellung der hier ansässigen Künstler im Erdgeschoss, bietet der erste Stock Raum für thematische Ausstellungen. Unter dem Titel SCHUTZ.RAUM zeigen dort bis zum 13. Oktober Künstler mit und ohne anerkanntem Unterstützungsbedarf Bilder und Exponate von Orten, an denen sie in Kontakt kommen mit sich selbst. Sie nehmen uns mit an Orte, die uns Gebor-genheit vermitteln und glücklich, aber auch einsam machen können. Etwa die Körpernetze von Annegret Schrempf. Ausdruck ihres Rückzugs in die Depression und ihrer Heilung im Ablegen des Netzes. Sie erschüttern, bringen aber auch zur Ruhe, zu einem tiefen Gefühl für Verborgenes in jedem von uns.
„Jeder Mensch hat sein Geheimnis“, sagt einer der Referenten des Living Museums, der jüdische Maler Tobias Christ, der im Aufzug einen fliegenden Rabbi hinterlassen hat. Das LIVING MUSEUM ALB bietet Raum für Begegnung, die diesem Geheimnis Raum gibt, wo man fernab von stereotypen Zuschreibungen und Stigmatisierung viele Möglichkeiten findet, sich gemütlich zusammenzusetzen oder einfach schweigend beeindrucken zu lassen vom Ausdruck echter Menschlichkeit.
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