Mythos Schwäbische Alb
07.06.2022

Neue Ausgabe des Magazins Marktleben: Netzwerker

© Marktleben

Eine andere Welt ist möglich!

Erfolgreiche Akteure aus dem Bio-Bereich wollen sich nicht länger mit den Irrwegen der Lebensmittel-Wirtschaft abfinden und haben einen alternativen Weg eingeschlagen. Die Genossenschafts-Initiative Xäls ist ernst und gutgelaunt, regional und schwäbisch, sehr durchdacht und energiegeladen.

Wäre es nicht schön, jeder von uns hätte seinen eigenen Lebensmittelanbau, eigene Verarbeitung und Logistik? Würde sein eigenes Gemüse ernten, Brot backen, Fleisch metzgern? Wenn man das, was wie ein kindlicher Traum klingt, etwas größer denkt, dann kommt dabei eine Idee heraus, die seit 2019 mit Xäls, der Ökologischen Genossenschaft Neckar-Alb, Gestalt gewinnt.

Wenn Lieferketten versagen, Qualität sinkt und Preise steigen, dann ist es vielleicht Zeit, dem allgemeinen Trend zu immer mehr Rationalisierung und Globalisierung etwas entgegenzusetzen und sich auf kleinere Strukturen zu besinnen, die uns durch die Krisen im großen System hindurchtragen können.

Individualisten finden zusammen

Nur vier Konzerne beherrschen 90% des Lebensmittelhandels in Deutschland. Mit dieser Marktmacht üben sie Druck aus auf die Preise, was nicht nur zu Lasten der Qualität und Angebotsvielfalt unserer Lebensmittel geht, sondern auch zu Lasten von Umwelt, Artenvielfalt, Tierwohl und Lebensqualität, und zu Entfremdung, Ausbeutung und Abhängigkeiten führt.

Aber es gibt sie noch, die Lebensmittelproduzenten und -händler, die ihren eigenen Kopf haben, die sich weigern, in dem allgemeinen Prozess der Industrialisierung von Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion und in der Zentralisierung des Handels mitzuschwimmen. „Wir schauen nicht mehr zu, wie täglich Vögel, Insekten, Läden, Höfe und handwerkliche Verarbeitungsbetriebe in unserer Region verschwinden“, sagt Michael Schneider, Inhaber des Marktladens in Tübingen. Wie er setzen auch Bäckermeister Hubert Berger und Metzgermeister Karl-Heinz Grießhaber ganz auf Bio- Qualität.

Mit ihnen haben auch andere Inhaber von Bio-Läden, Lebensmittelverarbeiter und Landwirte erkannt, dass die gegenseitige Abhängigkeit, die sie voneinander haben, nicht zu Konkurrenzkampf und Rationalisierung führen muss, sondern auch Gemeinsamkeit und Vernetzung, Verlässlichkeit und Qualitätssicherung hervorbringen kann.

Von ihnen wurde eine Genossenschaft gegründet, die ein regionales Netzwerk schafft, in dem Landwirte, Verarbeiter, Händler und Verbraucher gemeinsam entscheiden, was gut für sie ist. Sie stehen zusammen für eine regionale, unabhängige Versorgung mit Lebensmitteln, die fair zu allen Beteiligten und zu Tier und Umwelt arbeitet. Ihr Name, Xäls – von „Gsälz“, dem schwäbischen Wort für Marmelade – steht für schwäbische Tradition, Selbstgemachtes, Geschmackvolles, Regionalität und für Vielfalt und Individualität in Gegenwart und Zukunft.

Die ursprüngliche Bio-Idee

Während selbst im Bio-Bereich Discounter zunehmend das Geschäft übernehmen und ihre Bedingungen durch- setzen, setzt Xäls darauf, dass man sich untereinander kennt. Das schafft Transparenz, Verbindlichkeit und Vertrauen – auch und vor allem gegenüber den Verbrauchern. Es hält die ursprüngliche Idee des Bio-Gedankens aufrecht, dass man den Blick für die elementaren Dinge behält, die in Rationalisierungsprozessen verloren gehen: die Natur, ihre Kreisläufe und Gesetze, den Wert von Arbeit und Produkten, die Würde von Mensch und Tier, vom kleinen Insekt bis hin zur Gesundheit der Konsumenten.

 „Wuchernde Prozesse, wie Krebs, zeigen sich nicht nur bei Menschen im zunehmenden Maß, sondern auch in der Produktion, im Finanzwesen und anderen Bereichen unserer Gesellschaft“, erklärt Stefan Schopf, Inhaber der b2-Märkte in Balingen und Rottweil. „Die Fähigkeit Maß zu halten entsteht daraus, dass man sich berühren lässt und Betroffenheit entsteht“, ergänzt Severin Hauenstein, Betriebsleiter beim Hofgut Martinsberg, der das bei den Hofführungen dort immer wieder erlebt, wenn Menschen Tieren begegnen. Gegen das Diktat der Marktwirtschaft „Effizienz = Größe“ steht bei Xäls Begegnung und Austausch in einem gemeinsamen Prozess für das Wohl aller Beteiligten.

Die meinen es ernst

Mit ihrer Festlegung auf eine definierte Region Neckar-Alb und klare Kriterien für Partnerbetriebe gibt sich die Genossenschaft ein deutliches und anspruchsvolles Profil. Der Erhalt natürlicher Grundlagen und einer funktionierenden Lebensmittelversorgung, der Attraktivität des ländlichen Raums und des Handwerks sind allesamt Ziele, von der alle Bewohner unserer Region profitieren.

Den Mitgliedern der Genossenschaft geht es um einen Paradigmenwechsel, um eine grundlegende Neuausrichtung hin zu einer regionalen, zukunftsfähigen Lebensmittelversorgung. Und sie sind überzeugt, dass dieses Umsteuern in der Welt von heute zu einer Überlebensfrage geworden ist. Xäls bietet Erzeugern, Verarbeitern und Händlern im Bio-Bereich an, sich als Partnerbetrieb anzuschließen und bietet darüber hinaus für jedermann die Möglichkeit, sich ohne viel Aufwand zu beteiligen. Der Traum davon, die Welt doch etwas anders zu gestalten, wird ganz konkret – und alle können mitmachen!

Einfach selbst aktiv werden

Die Idee, Dinge selbst in die Hand zu nehmen, nimmt mit dem Genossenschafts-Prinzip reale Gestalt an. Als Genossenschafts-Mitglied wird man Miteigentümer an der gemeinsamen Sache. Und alle Mitglieder, egal ob sie nur einen oder  viele  Anteile  halten,  können in der Generalversammlung gleichberechtigt mitbestimmen: Ob man sich für Lebensmittelrettung einsetzt und in Projekte investiert, die für den Handel untaugliches Gemüse (zu klein, zu unförmig) verarbeiten, für ein Bruderhahnprojekt, für eine Ausrüstung für tierschonende Hofschlachtung oder für noch mehr Öffentlichkeitsarbeit.

Da es sehr wichtig ist, mehr Menschen für den Wert natürlicher und regionaler Lebensmittel zu sensibilisieren, hat Xäls für diese Bildungsarbeit die gemeinnützige Xäls-Stiftung gegründet. Auch hier sind Spenden und Mithilfe eine gute Möglichkeit, positiv Einfluss zu nehmen auf unsere Gesellschaft. 

Es ist also gar nicht so, dass wir die Konzentrationsprozesse mit immer größeren Betrieben, mächtigeren Konzernen und undurchschaubaren politischen Prozessen ohnmächtig ertragen müssten; dass wir tatenlos hinnehmen müssten, was sich angeblich „alternativlos“ entwickelt. Wir können Teil eines Prozesses werden, der nochmal da ansetzt, wo die Grundlagen eines guten Miteinanders, einer gesunden Ernährung und einer intakten Umwelt liegen: vor unserer eigenen Haustüre.

www.xaels.de