Residenzschloss Urach: Pferdenarr Herzog Carl Eugen
Dass der berühmt-berüchtigte Herzog Carl Eugen von Württemberg (1728-1793) auch ein großer Pferdekenner und -liebhaber war, ist vielen heute nicht so geläufig wie seine zahlreichen anderen Interessen. Doch tatsächlich erlebte die württembergische Pferdezucht unter seiner Regierung eine nie zuvor gekannte Blütezeit. Auch die Uracher Fohlenhöfe – damals wie heute zum Gestüt Marbach gehörend – profitierten von dieser Leidenschaft. Nicht zuletzt gehen zahlreiche Besuche des Herzogs in der ehemaligen Residenzstadt Urach auf seine Beschäftigung mit der Pferdezucht zurück.
Lange Tradition in Urach
Die Anfänge der herrschaftlichen Gestüte in Württemberg liegen in der Zeit um 1400; das heutige Haupt- und Landgestüt Marbach wird 1514 erstmals urkundlich erwähnt. Bereits sehr früh – gegen Ende des 15. Jahrhunderts – gibt es ebenfalls Nachrichten von zwei Uracher Fohlenhöfen im Maisental, die Graf Eberhard im Bart gegründet hat: den hinteren Fohlenhof direkt unter der damals noch bestehenden Kartause Güterstein und den vorderen Fohlenhof, dessen Lage heute nicht mehr genau nachvollzogen werden kann – eventuell lag er im Bereich des heutigen Reithauses. Aus der Zeit um 1600 stammen die ambitionierten Pläne Heinrich Schickhardts, des Architekten von Herzog Friedrich, für das sogenannte Brühlhof-Projekt: auf einem insgesamt 3500 qm großen Areal sollten in den Brühlwiesen ein Fohlenhof und ein Viehhof entstehen. Inwieweit die Pläne tatsächlich verwirklicht wurden, kann heute leider nicht mehr nachvollzogen werden. Unter den folgenden Herzögen finden zwar immer wieder Um- und Neubauten der Uracher Fohlenhöfe statt, doch beim Regierungsantritt Herzog Carl Eugens im Jahr 1737 sind die Hofgestüte der Württemberger mit insgesamt nur 233 Pferden – darunter sieben Stuten und 83 Hengstfohlen in Güterstein – eher dürftig bestückt. Doch dies sollte sich bald ändern.
Carl Eugens Leidenschaft
In den folgenden Jahrzehnten wuchs der Bestand an Stuten und Fohlen beträchtlich; im Jahr 1768 sind allein in Güterstein bereits 208 Fohlen nachgewiesen. Dieser Wandel ist untrennbar verbunden mit der Persönlichkeit Carl Eugens, der als regelrechter Pferdenarr gelten kann und zumindest in der ersten Hälfte seiner Regierungszeit die Hofgestüte auch selbst führte. Mindestens einmal im Jahr unternahm der württembergische Herzog eine Gestütsreise, die ihn zu seinen Gestüts- und Fohlenhöfen im Einsiedel, in Marbach, Offenhausen und Güterstein führte. Hierbei stellte er nicht nur die Beschällisten auf, sondern inspizierte auch die Stuten und Fohlen sehr genau. Eine hervorragende medizinische Versorgung seiner Tiere sah Carl Eugen als wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Zucht an, die sich insbesondere in späterer Zeit auf außergewöhnliche Farben wie Schecken, Isabellen oder Falben konzentrierte. Diese besonderen Tiere sollten bei Ausfahrten oder festlichen Umzügen einen bleibenden Eindruck bei den Zuschauern hinterlassen. Der sogenannte Neue Marstall in Stuttgart, in dem die 300-400 Reit- und Kutschpferde Carl Eugens untergebracht waren, zählte sogar zu den glänzendsten in ganz Europa.
Carl Eugen besucht Urach
Die Fohlenhöfe in Urach dienten weniger der Repräsentation als vielmehr der Unterbringung von Stuten und Fohlen. Carl Eugen besuchte Urach meist im März und April, um die Beschällisten aufzustellen und seine Tiere zu „visitieren“. Er wohnte hierbei zusammen mit seiner jeweiligen Mätresse und weiteren Mitgliedern des Hofes für einen oder auch mehrere Tage im Uracher Schloss. Von dort aus wurden meist auch die Gestüte in Marbach und Offenhausen besucht – immer wieder auch in Begleitung diverser Damen, die sich an den kleinen Fohlen ebenfalls erfreut haben dürften. Dokumentiert sind diese Besuche in der Zeit zwischen 1768 und 1783. Ausgemusterte Pferde ließ der Herzog auch in Urach regelmäßig versteigern, so beispielsweise 1769 insgesamt 13 Hengstfohlen und eine Mutterstute. Für die Versorgung der Tiere waren in Urach unter anderem auch
Mitglieder des Husarenregiments zuständig, die dann im Gasthaus Zum Schwarzen Adler, im Alten Rathaus oder auch bei Uracher Bürgern einquartiert wurden.
Carl Eugen baut – auch in Urach
Um der Unterbringung seiner Fohlen in Urach gerecht zu werden, ließ Carl Eugen immer wieder Veränderungen an bestehenden Gebäuden vornehmen oder Neubauten errichten. Der seit 1580 bestehende vordere Fohlenhof in St. Johann auf der Albhochfläche wurde ebenso wie der Gütersteiner Fohlenhof erweitert. Da der Herzog die Gütersteiner Stallungen jedoch als zu kalt für seine Hengstfohlen empfand, wurden diese 1769 abgebrochen und die herrschaftlichen Wiesen im Brühltal meistbietend verpachtet. Damit endete zunächst die jahrhundertelange Nutzung des Gebiets als Unterbringung für die herrschaftlichen Fohlen.
Die Tiere verblieben jedoch zunächst in Urach und wurden im mittelalterlichen Marstallkasten inmitten der Stadt sowie in einem neu errichteten Fohlenstall am Tiergartenberg untergebracht. Dieser Neubau bot seit 1770 Platz für 200 Fohlen und bedeutete gleichzeitig das Ende der alten Funktion des Tiergartens; dieser wird aufgeteilt und an hiesige Bürger verpachtet. Doch auch dieser Stall wird bereits 1783 wieder abgebrochen und die Fohlen nach Hohenheim gebracht. Immerhin dienten die nun an dieser Stelle entstandenen Wiesen den Saugfohlen, die jedes Jahr am 25. Juli nach Urach gebracht wurden, als gute Weideflächen.
Bis heute beliebtes Ausflugsziel
Mit dem Abbruch der Fohlenställe in Güterstein und am Tiergartenberg endet die Bedeutung Urachs für die württembergische Hofzucht jedoch nicht. Im Jahr 1812 lässt König Friedrich im Erdgeschoss des Uracher Stifts (!) einen neuen Fohlenstall einrichten. Sein Nachfolger König Wilhelm I. findet die Lage in nächster Nähe zur Amanduskirche jedoch verständlicherweise unpassend und erbaut 1819/20 einen neuen Fohlenstall an alter Stelle unterhalb der ehemaligen Kartause Güterstein. Diese Gebäude stehen bis heute und bilden das „Vorwerk Güterstein“ des Haupt- und Landgestüts Marbach. Sie dienen der Unterbringung eines Teils der Marbacher Hengstfohlen und Wallache. Ein Besuch dieser hübschen Tiere kann mit einer kleinen Wanderung zu den oberhalb der Stallungen gelegenen Gütersteiner Wasserfällen verbunden werden. Die alten Klostergebäude der Kartause sind jedoch nicht mehr zu sehen; selbst das Plateau, da diese einst getragen hatte, wurde im Laufe der Zeit vollständig abgetragen.
Service und Information
Residenzschloss Urach
ÖFFNUNGSZEITEN
1. April bis 31. Oktober: Di bis So 10.00 bis 17.00 Uhr
1. November bis 30. März: Di und Do 10.00 bis16.00 Uhr, Mi und Fr 13.00 bis 16.00 Uhr, Sa und So und Feiertag 12.00 bis 17.00 Uhr
EINTRITTSPREISE
Erwachsene 4,00 €
Kinder 2,00 €
Familien (2 Erwachsene und Kinder unter 18 Jahren) 10,00 €
KONTAKT
Führungen, Veranstaltungen und Informationen
Residenzschloss Urach
Bismarckstraße 18
72574 Bad Urach
