07.01.2021

Hochzeitsvorbereitungen für die Ewigkeit

Walter Röhm, SSG Pressebild

Robert Holder, SSG Pressebild

Residenzschloss Urach

Vor über 500 Jahren war das Uracher Schloss Ort eines überschwänglichen Festes, der Hochzeit des Grafen Eberhard im Bart mit Barbara Gonzaga von Mantua. Die Feierlichkeiten in Stadt und Schloss waren so beeindruckend, dass auch heute noch viel darüber gesprochen und geschrieben wird. Dabei umfassten die Vorbereitungen für das Fest nicht nur die Frage nach den Speisefolgen und die Unterbringung der vielen Gäste. Was schon immer vermutet wurde, konnte jetzt durch aktuelle dendrochronologische Untersuchungen des Bauforschers Tilmann Marstaller bestätigt werden: auch der Schlossbau selbst wurde auf den Stand des neuesten Chics gebracht.

Unerreichbares Vorbild: Palazzo Ducale

Das Uracher Schloss wurde Ende des 14. Jahrhunderts erbaut und diente den württembergischen Grafen wohl zunächst als Jagdschloss. Im Zusammenhang mit der Landesteilung wurde es dann in der Mitte des 15. Jahrhunderts zur Residenz des südwestlichen Landesteils erhoben. Einer der Höhepunkte in der Geschichte des Schlosses war die Hochzeit Graf Eberhards V. mit der italienischen Fürstentochter Barbara Gonzaga von Mantua im Jahr 1474. Bei seinem Besuch in Mantua im Frühjahr desselbigen Jahres konnte Graf Eberhard die Pracht des Palazzo Ducale der Schwiegerfamilie bewundern. Allein die „camera picta“ mit ihren lebensgroßen Darstellungen der Fürstenfamilie hat ihn sicherlich zutiefst beeindruckt. Um bei der neuen Verwandtschaft und den zahllosen Hochzeitsgästen in Urach einen ebenso guten Eindruck zu hinterlassen, sah er sich verpflichtet, mit seiner Residenz in Urach ein wenig gleichzuziehen. Ein kompletter Neubau war selbstverständlich nicht allein aufgrund der Kürze der Zeit unmöglich – doch eine Umgestaltung des Gebäudes, so dass es auf die Gäste fürstlich und beeindruckend wirken musste, war durchführbar.

Ein Schloss wird aufgemöbelt

Laut bisherigem Stand der Forschung wurden insgesamt vier bauliche Veränderungen anlässlich der Uracher Hochzeit 1474 vorgenommen: die Decke des Torturms am Schlosshof wurde mit einer Palmendarstellung versehen, die Dürnitz im Erdgeschoss wurde neugestaltet, der Palmensaal erhielt seine Bemalung und die Außentreppe zu den oberen Stockwerken wurde in eine Reitertreppe umgewandelt. Fraglich ist allerdings bis heute, ob die Dürnitz tatsächlich anlässlich dieser Hochzeit mit dem Kreuzrippengewölbe ausgestattet wurde. Stilistisch kann es aber wohl ins letzte Viertel des 15. Jahrhunderts datiert werden.

Bereits mehrfach beschrieben wurde die Ausstattung des Palmensaals mit der Ahnenprobe Graf Eberhards. Die Gäste sollten von den Urahnen des Grafen, vertreten durch deren Wappen, im großen Saal im ersten Stock des Schlosses empfangen werden. Für einen standesgemäßen Zugang in das erste Stockwerk sorgte die neu errichtete Reittreppe: die hohen Gäste konnten so auf dem Rücken ihrer edlen Rösser bis vor den Palmensaal reiten.

Der Palmensaal war dann auch während der Feierlichkeiten der Speisesaal für die hohen adligen Herren. Die adligen Damen speisten hingegen im Stockwerk darüber. Welche Veränderungen die dortigen Räumlichkeiten anlässlich der Hochzeit erfahren hatten, war bislang ungewiss. Die neuesten Untersuchungen konnten nun aber auch hier große Veränderungen nachweisen, die dazu dienten der gräflichen Hochzeit einen fürstlichen Rahmen zu geben.

Fürstlich schlemmen und schlafen

Beim Betreten des Goldenen Saals erblickt der Besucher neben farbenfrohen Wandmalereien auch vier prächtig gestaltete Säulen, die jedoch keine statische Funktion aufweisen. Die tragenden Bauteile befinden sich stattdessen innerhalb der aus dem frühen 17. Jahrhundert stammenden Schmuckelemente. Heute sind diese tragenden Elemente aus profanem Stahl, bis vor 60 Jahren bargen die bemalten Säulen jedoch ein ganz anderes Geheimnis: achteckig behauene Eichensäulen unbekannten Alters. Eine dieser Eichensäulen wurde während der Renovierung der 60er Jahre vor der Entsorgung gerettet und befindet sich noch heute auf dem Dachboden des Uracher Schlosses, quasi als Asservat einer vergangenen Zeit. Tilmann Marstaller konnte nun durch dendrochronologische Untersuchungen das Alter der Eichensäule bis auf wenige Jahre eingrenzen.

Bei der Dendrochronologie werden aus dem zu untersuchenden Holz Bohrkerne entnommen und anschließend die erkennbaren Jahresringe auf deren Dichte und Dicke untersucht. Auf diese Weise können Rückschlüsse auf die klimatischen Verhältnisse in den jeweiligen Jahren gemacht werden. Die erhaltenen Ergebnisse werden dann mit Klimakurven verglichen. Diese Methode ermöglicht eine teilweise jahres- und sogar jahreszeitlich genaue Altersbestimmung hölzerner Artefakte.

Das Fälldatum der Eichensäule liegt mit großer Wahrscheinlichkeit in den Jahren 1473 / 1474, was zeigt, dass diese nicht aus der Zeit der Erbauung des Schlosses stammen kann, sondern nachträglich eingebaut wurde. Ein Zusammenhang mit der großen Uracher Hochzeit liegt da mehr als nahe. Denkbar wäre außerdem, dass die Wandmalereien mit Graf Eberhards Palme und seinem Motto „Attempto“ zeitgleich stattgefunden haben. In jedem Fall aber sollte den adligen Damen ein standesgemäßer Speisesaal zur Verfügung stehen.

Auch die privaten Wohnräume nebst den Frauenzimmern, die sich auf der gleichen Ebene wie der Goldene Saal befanden, erfuhren anlässlich der Hochzeit eine Neugestaltung. Neben der Eichensäule befinden sich auf dem Dachboden des Schlosses auch noch einige wenige bemalte Holzbretter, die durch Vergleiche mit Fotografien Walter Röhms den Decken des 2. Obergeschosses zugeordnet werden können. Auch diese wurden dendrochronologisch untersucht und passen ebenfalls in die Zeit um 1474. Dekoriert sind die Dielen mit einer für das 15. Jahrhundert typischen Schablonenmalerei. Ob die neue Deckengestaltung alle privaten Räumlichkeiten umfasst hat und noch weitere Veränderungen – beispielsweise an den Wänden – vorgenommen wurden, kann heute leider nicht mehr geklärt werden.

Sicher ist jedoch, dass Graf Eberhard bei der Umgestaltung seines Schlosses weder Kosten noch Mühen gescheut und sich nicht nur auf die Räumlichkeiten beschränkt hat, die für die zahllosen Besucher zugänglich waren. Es scheint, als wollte er nicht nur seinen Gästen imponieren, sondern auch seiner frisch angetrauten Gattin eine standesgemäße Wohnstätte bieten.

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