Mythos Schwäbische Alb
08.04.2021

Neue Ausgabe des Magazins Marktleben; Sphärentor - Eine Stadt schaut in die Zukunft

Reutlingen, die über 900 Jahre alte ehemalige Reichsstadt, arbeitet an ihrer Zukunft. Oberbürgermeister Thomas Keck und Stadtentwickler Stefan Dvorak greifen dazu eine Idee der Köpfe für Reutlingen auf: Reutlingen könnte die weltweit erste Biosphärenstadt werden.

Es gehört zu den schönsten Arten, eine Stadt zu erleben: Einfach durch die Innenstadt schlendern und schauen, was einem begegnet – Geschäfte, Cafés, Menschen. Im Gegensatz zu vielen anderen vergleichbaren Städten hat Reutlingen sich bis heute seine Individualität gewahrt. Die Fußgängerzone wird nicht durch riesige Malls geprägt, in denen man die überall gleichen Geschäfte findet, sondern viele kleine inhabergeführte Läden sorgen für den besonderen Charakter der Achalmstadt. Aber wenn Corona die Entwicklung hin zu immer mehr Digitalisierung jetzt so sehr beschleunigt, worin besteht dann die Zukunft unserer Städte?

Menschen brauchen Menschen

Werden die Innenstädte zu den besten Einkaufszeiten zukünftig so aussehen wie an einem verschlafenen Sonntagmorgen, auch wenn die Pandemie wieder vorbei ist? Jede Stadt muss sich dieser Gefahr stellen, man spricht vom sogenannten Donut-Effekt: In der Mitte der Städte entsteht ein Loch. „Es gibt Städte, denen fällt dazu etwas ein, und es gibt solche, denen nichts einfällt. Letztere bekommen ein ernsthaftes Problem“, prophezeit Reiner App, der als Berater nicht nur die Zukunft von Städten, sondern auch von Märkten, Kultur und Kirchen analysiert.

Reiner App ist im Vorstand eines Vereins, der sich der Zukunft Reutlingens und seiner Entwicklung verschrieben hat: die Köpfe für Reutlingen e.V.  Seit Jahren arbeiten hier Menschen, denen viel an ihrer Stadt liegt, an Ideen für ein zukunftsfähiges Gemeinwesen. Nun sind sie mit einer umfangreichen Projektidee an die Stadtverwaltung herangetreten: Reutlingen als Biosphärenstadt und die Metzgerstraße als Pilotprojekt Biosphärenstraße.

„Wer meint, in Zukunft könnten wir alles digital machen, irrt sich gewaltig“, mahnt der Reutlinger Oberbürgermeister Thomas Keck, „gerade während Corona sehen wir ein großes Sehnen in der Bevölkerung, sich wieder begegnen zu können, wieder unter Menschen zu sein.“ „Menschen brauchen Menschen“, so benennt es Stefan Dvorak, der Leiter des Amtes für Stadtentwicklung und Vermessung. Damit eine Innenstadt dafür attraktiv bleibt, braucht es Konzepte dafür, die vielen kleinen Geschäfte und Gastronomien dort zu erhalten.

Viele der Überlegungen, die Städte heute dazu anstellen, sind austauschbar. Aber Reutlingen hat ein eigenes, besonderes Merkmal: Es ist eine von europaweit nur drei Großstädten, neben Wien und Freiburg, die in einem Biosphärengebiet liegen. Als eine dieser Musterregionen der UNESCO für ein Miteinander von Mensch und Natur, bringt die Schwäbische Alb viele ganz besondere Dinge hervor – unmöglich, alles aufzuzählen: Da gibt es Albdinkel, Albleisa, Albbüffel, Albwacholder, Albmerino-Wolle, da gibt es Starköche, Landhotels, Brauer, Brenner, Röstereien, Käsereien, da gibt es das Streuobstwiesen-Paradies und unzählige touristische Attraktionen – und damit ist die Liste noch längst nicht vollständig. Das alles ist intensiv geprägt vom Thema Nachhaltigkeit und einem hohen Qualitätsanspruch.

Partner, Schaufenster und Marktplatz

Immer schon war Reutlingen Markt und Umschlagplatz für Güter, die auf der Alb produziert wurden und auch in Zukunft will die Stadt nicht nur Tor zur Schwäbischen Alb, sondern auch Schaufenster, Marktplatz und Partner des Biosphärengebiets sein und dessen Werte bekannt machen.

Die Reutlinger Verwaltung unter Oberbürgermeister Thomas Keck erhebt nicht den Anspruch, in all dem Experte zu sein. Sie sieht ihre Aufgabe vielmehr darin, den Weg frei zu machen für die unterschiedlichsten Akteure. „Sie müssen spüren, dass sie willkommen sind“, so formuliert es Stefan Dvorak. Gastronomien, die Zutaten von der Schwäbischen Alb beziehen, Geschäfte, in denen man bekommt, was dort produziert wird, Handwerker und Manufakturen, die erlebbar machen, wie hier gearbeitet wird und zeigen wie besondere Qualität entsteht – sie alle könnten zusammen mit den geschichtlich geprägten Orten und Gebäuden Reutlingens ein Gesamtbild ergeben, das zeigt, in welche Richtung sich eine Gesellschaft nachhaltig, traditionsbewusst und zukunftsfähig entwickeln könnte.

Man darf auch stolz sein

Bei der Entwicklung der Stadt Reutlingen geht es keineswegs nur um Marketing-Konzepte, die die Innenstadt vor dem Ausbluten bewahren sollen. Es geht um die Frage der Identität einer Stadt, ja darum, ob Menschen sich im Zeitalter der Digitalisierung überhaupt noch mit ihrer Stadt und ihrer Region identifizieren; ob sie bereit sind, sich dafür zu engagieren, ob es gelingt, etwas von dem Stolz der früheren Reichsstadt mit ihrer Innovationskraft und ihrem sozialen Zusammenhalt zu bewahren.

„Wir haben ganz viel hier“, führt Oberbürgermeister Thomas Keck aus. Nicht nur die Tradition der Reichs- und Bürgerstadt und die Handwerks- und Industriekultur, die Reutlingen zu einem starken Wirtschaftsstandort gemacht hat, und nicht nur die Marienkirche und andere   historische Gebäude.

Die Museen zu Industriegeschichte, Heimatgeschichte, Natur und Kunst sind bedeutender, als vielen bewusst ist. Das gleiche gilt für die Kunstszene insgesamt. Regionale Wertschöpfung und naturverbundenes Wirtschaften wurden und werden gepflegt in der Pomologie, dem Listhof, auf dem Gaisbühl. Die von Gustav Werner stark geprägte Tradition sozialen Zusammenhalts lebt noch heute. Auch die einst starke Textilproduktion lebt im Umkreis Reutlingens noch heute fort, etwa in Firmen für Naturtextilien, die auf dem Weltmarkt führend sind, und in der Forschungs- und Entwicklungsarbeit rund um die Hochschule Reutlingen.

Damit sich das alles auch weiterhin mit Gastronomie, Kultur und interessanten Einkaufsmöglich- keiten verbindet, muss die Innenstadt lebendig bleiben, muss dort Raum sein für Jugend, für Straßencafés, für Wohnungen und für Angebote, die die Stadt auch für den Tourismus interessant machen.

Ein Pilotprojekt

Wie wäre es, so schlagen die Köpfe für Reutlingen vor, mit einer Biosphärenstraße, als Pilotprojekt für die Biosphärenstadt? Die Metzgerstraße, zwischen den Bushaltestellen in der Gartenstraße und der zentralen Wilhelmstraße gelegen, wäre mit ihrem Weibermarkt und den alten Häusern sehr gut geeignet. Bereits vor der Pandemie fand hier ein regionaler Abendmarkt am jeweils ersten Donnerstag des Monats statt, der, sobald das möglich wird, wieder Fahrt aufnehmen soll.

„Dass Reutlingen jetzt die Metzgerstraße aus ihrem Dornröschenschlaf erwecken will, ist eine Win-Win-Situation“, sagt Eberhard Laepple, einer, der mit seinem Lagerhaus an der Lauter auf der Alb fortwährend für Innovationen sorgt, „zum einen gewinnt die Alb mit ihren tollen Manufakturen Zugang zur Stadt, zum anderen kann Reutlingen dem Ausbluten der Innenstadt eine innovative Idee entgegensetzen.“

Bei vielen findet die Idee der Biosphärenstadt Anerkennung und Interesse: Die KlimaschutzAgentur setzt sich seit Jahren für nachhaltiges Wirtschaften und Leben ein. Häussermann Fruchtsäfte produziert seit mehr als 20 Jahren mit dem Projekt Feines von Reutlinger Streuobstwiesen Bio-Direktsäfte.  „Als regionaler Fruchtsaftbetrieb haben wir eine große Leidenschaft für Apfel-Direktsaft aus Streuobstwiesen“, sagt Inhaberin Lisa Häussermann. Aber auch die FairEnergie, die aus den Stadtwerken Reutlingens entstanden ist, geht mit ihrem Fokus auf erneuerbare Energien und dem Ausbau von Ladestellen für Elektro-Fahrzeuge den Weg einer an Nachhaltigkeit orientierten Stadt und Region mit.

In einem Lenkungskreis werden jetzt Händler, Gastronomen, Veranstalter, Immobilien-Eigentümer und andere zusammenkommen, um aus unterschiedlichen Interessen gemeinsame Konzepte zu entwickeln. Die großen Einkaufsketten mögen kurzfristig höhere Mieten zahlen, aber langfristig wird die Frequentierung der Innenstadt davon abhängen, wie attraktiv sie ist, mit wie viel Innovation und Charme sie versteht, Menschen zu begeistern und anzuziehen.

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